Beim Klettergurt ist die Sache eigentlich ziemlich einfach: Er soll sichern, zuverlässig sitzen und beim Klettern möglichst wenig im Weg sein. Gerade im alpinen Gelände zählt dabei jedes Gramm – und spätestens wenn Zustieg, Gipfel und Kletterei an einem Tag zusammenkommen, wird ein minimalistischer Aufbau interessant.
Ich habe ihn vor allem im alpinen Einsatz, aber auch beim Sportklettern getragen und für euch getestet.
Facts
| Thema | Info |
|---|---|
| Material | Hauptmaterial: Burly™ Doppelgewebe, 220 g/m² – 56 % Nylon, 34 % Polyester, 10 % Elastan Einsatz: CORDURA ATY Nylon 66 (690D) in Leinwandbindung, 242 g/m² – 100 % Nylon |
| Größen | 1-A 1-B 2-A 2-B 3-A 3-B 4-A 4-B 5-A 5-B 6-A 6-B |
| Farben | Black/Mantis |
| Gewicht | ca. 275 g |
| Preis | 150 EUR |
Erster Eindruck und Verarbeitung
Kein überflüssiges Polster, nur zwei Materialschlaufen, kein unnötiges Volumen. Stattdessen ein extrem reduzierter Aufbau, der klar auf Bewegungsfreiheit und geringes Gewicht ausgelegt ist. Arc’teryx positioniert ihn als spezialisierten Sportklettergurt; genau diese Spezialisierung merkt man auch im Aufbau.
Schon beim ersten Anfassen fällt auf, wie wenig Gurt hier eigentlich vorhanden ist. Hüftgurt, Beinschlaufen, Anseilschlaufe – alles ist extrem schmal und dünn konstruiert.
Auch die beiden Materialschlaufen sind konsequent auf das Wesentliche reduziert. Für einen Sportklettertag mit Expressen reicht das problemlos, für einen umfangreichen Rack wird es dagegen schnell eng. Genau hier merkt man, dass der Lithos SL kein Allrounder für Trad, lange Mehrseillängen oder komplexe alpine Routen sein möchte.
Die Verarbeitung ist dafür wirklich sauber. Nichts wirkt zufällig weggelassen – vielmehr wurde an jeder Stelle Material eingespart, an der es aus Sicht des Konzepts möglich ist.
Konstruktion & Technik – Warp Strength statt Polsterung
Herzstück des Gurtes ist die Weiterentwicklung der Warp Strength Technology™. Dabei wird strukturelles Gewebe mit hochfestem Gurtband kombiniert, um die auftretenden Lasten möglichst gleichmäßig über die Konstruktion zu verteilen. Der Ansatz ermöglicht einen sehr dünnen, leichten Aufbau, ohne auf die notwendige Unterstützung zu verzichten.
Besonders auffällig sind die durchgehenden Beinschlaufen. Statt klassischer, stärker gepolsterter Konstruktionen arbeitet Arc’teryx hier mit einem sehr reduzierten Gurtbandaufbau. Dadurch bleibt beim hohen Antreten, Spreizen oder beim Eindrehen der Hüfte ausgesprochen viel Bewegungsfreiheit.
Auch die Anseilschlaufe und der Sicherungsring fallen extrem schlank aus. Für einen erfahrenen Kletterer fühlt sich das zunächst ungewohnt an – funktional ist es aber absolut nachvollziehbar: möglichst wenig Material zwischen Körper und Kletterbewegung.
Gewicht & Packmaß – ein echtes Leichtgewicht
Eine der großen Stärken ist natürlich das geringe Gewicht. Arc’teryx gibt für eine Größe 4A etwa 275 g an; je nach Größe variiert das Gewicht.
Für alpine Unternehmungen ist das ein echter Vorteil. Der Gurt lässt sich sehr klein verstauen und verschwindet problemlos im Rucksack.
Gerade wenn bereits Seil, Steigeisen, Pickel, Helm und weitere Hardware dabei sind, summiert sich jedes eingesparte Gramm.
Praxistest
Alpiner Einsatz – wenn jedes Gramm zählt
Gerade im alpinen Gelände spielt der Lithos SL seine Philosophie aus.
Wenn der Gurt bereits beim Zustieg am Körper bleibt, möchte ich möglichst wenig zusätzliches Gewicht und möglichst wenig Material, das beim Kraxeln, Scramblen oder Klettern stört. Der Lithos fällt dabei kaum auf.
Beim Überklettern von Felsstufen, beim Spreizen in Rinnen oder beim hohen Antreten gibt es praktisch nichts, was an den Oberschenkeln im Weg steht. Der Hüftgurt trägt wenig auf und lässt sich problemlos unter beziehungsweise mit alpiner Kleidung kombinieren.
Auch beim Anseilen auf einer Hochtour vermittelt der Gurt trotz seiner minimalistischen Konstruktion ein sehr zuverlässiges Gefühl.
Sportklettern – präzise und direkt
Am Fels funktioniert das Konzept ebenfalls hervorragend.
Beim normalen Vorstieg mit einem überschaubaren Set Expressen sind die zwei Materialschlaufen völlig ausreichend. Die Schlaufen sitzen so, dass die Expressen schnell erreichbar sind – gerade beim Clippen möchte ich nicht lange am Material herumfummeln müssen.
Der Gurt bleibt beim Klettern stabil an seiner Position. Hohe Tritte, Drop-Knees, Hooks und weite Spreizbewegungen funktionieren ohne störendes Verrutschen oder Einschränkung.
Und genau das ist für mich die größte Stärke: Man merkt ihn beim Klettern kaum.
Redpoint & harte Züge – Bewegungsfreiheit statt Komfort
Wenn es darum geht, einen schwierigen Zug durchzuziehen, möchte ich keinen dicken Hüftgurt und keine voluminösen Beinschlaufen spüren.
Der Lithos SL fühlt sich hier fast wie eine Verlängerung des Klettergeschirrs an. Gerade bei steilen Routen, hohen Hooks und großen Bewegungen der Hüfte spielt die geringe Materialstärke ihre Vorteile aus.
Der Gurt vermittelt dabei durchaus Sicherheit. Auch ein Sturz ins Seil ist kein Grund zur Panik – die Konstruktion hält und verteilt die Last zuverlässig.
Aber: Genau hier beginnt auch die Grenze des Konzeptes.
Sichern & Hängen – Funktion vor Komfort
Wer regelmäßig längere Zeit im Gurt hängt, wird den Unterschied zu einem komfortabler gepolsterten Modell deutlich merken.
Beim normalen Sichern einer Route ist das absolut kein Problem. Sobald aber eine lange Sicherungssession ansteht oder der Kletterpartner seine Route projektieren möchte und entsprechend lange im Seil hängt, wird die minimalistische Konstruktion spürbar.
Der Lithos SL ist für mich deshalb kein Gurt zum gemütlichen „Drinhängen“. Seine Stärke liegt eindeutig in der Bewegung – nicht im maximalen Komfort bei langen Hängezeiten.
Das ist kein eigentlicher Konstruktionsfehler, sondern die direkte Konsequenz des minimalistischen Konzepts.






















Pro/Contra
Pro:
- Extrem leicht und minimalistischer Aufbau
- Sehr geringe Einschränkung der Bewegungsfreiheit
- Hervorragend für hohe Tritte, Spreizen und steile Kletterei
- Sehr dünne, wenig auftragende Konstruktion
- Gute Lastverteilung durch Warp Strength Technology™
- Hochwertige und präzise Verarbeitung
- Zwei Materialschlaufen, viel Bewegungsfreiheit
- Sehr kleines Packmaß
- Ideal für alpine Unternehmungen, Hochtouren und Sportklettern
- Auch bei Stürzen zuverlässiges Gefühl
Contra:
- Nur zwei Materialschlaufen, je nach Einsatz limitierend
- Wenig geeignet für umfangreiche Racks
- Nicht die erste Wahl für lange Mehrseillängen
- Weniger komfortabel bei langen Hängezeiten
- Zum Projektieren und langen Sichern gibt es komfortablere Gurte
- Sehr minimalistischer Aufbau kann für Kletterer, die klassische gepolsterte Gurte gewohnt sind, zunächst ungewohnt wirken
Fazit
Der Arc’teryx Lithos SL ist für mich ein sehr spezieller Klettergurt – und genau deshalb ein richtig spannendes Stück Ausrüstung.
Er verzichtet konsequent auf alles, was nicht unbedingt notwendig ist: wenig Material, wenig Gewicht, wenig Volumen und nur zwei Materialschlaufen.Dafür bekommt man maximale Bewegungsfreiheit und einen Gurt, der beim Klettern nahezu verschwindet.
Für alpines Klettern, Hochtouren und sportliches Klettern finde ich das Konzept ausgesprochen überzeugend. Auch einen Sturz steckt der Gurt problemlos weg und vermittelt dabei ein sehr zuverlässiges Gefühl.
Zum Projektieren, für lange Hängezeiten oder wenn ich jemanden über Stunden in seiner Route sichern muss, würde ich dagegen einen komfortabler gepolsterten Gurt wählen.
Für mich gilt deshalb: Der Lithos SL ist kein Gurt für Anfänger, die einen möglichst komfortablen Allrounder suchen. Er ist ein minimalistisches Werkzeug für Kletterer, die wissen, warum sie Gewicht und Material reduzieren wollen.
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